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Vereinsregisternummer  VR2337  beim Vereinsgericht in Wetzlar

 

Aus der Vereinsgeschichte

Ein Rückblick von Hans Ulrich Heuser

 

Der älteste Fußballclub des Fußballkreises Dillenburg feiert seinen 100. Geburtstag. Grund genug, auf eine bewegende, teils sehr erfolgreiche, aber auch von Höhen und Tiefen geprägte Vereinsgeschichte zurückzublicken und die Ereignisse noch einmal revue passieren zu lassen.

 

Als sich im Jahre 1911 wenige Jugendliche zusammenfanden und in Dillenburg eine sportliche Gemeinschaft bildeten und so den Grundstein zu dem heutigen Spiel- und Sportverein 1911 legten, ahnte wohl niemand, dass diese Vereinsgründung eine Zeitdauer von 100 Jahren überstehen und eine gesellschaftliche Bedeutung erhalten würde, wie sie unser Verein zweifellos heute hat. Es war ein arbeitsreicher und oft sehr schwieriger Weg von damals bis zum heutigen Tag. Erfolge und Misserfolge stellten sich ein und mussten gemeistert werden, und sie wurden durch die Initiative und den Wagemut der Mitglieder dieses Vereins stets in die richtige Richtung gelenkt. Erinnert sei hier nur an die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die furchtbaren Auswirkungen des 2. Weltkrieges und die anschließende Zeit des Wiederaufbaues, in der erneut grosse Opfer erbracht werden mussten. Trotz dieser menschlichen und wirtschaftlichen Not fanden sich aber stets einige Unentwegte, die den Spielbetrieb im Verein wieder aufnahmen und dem Club für die kommenden Jahre das Gepräge gaben. Ein Gepräge, auf das der älteste und, gemessen an den jetzt vollendeten 100 Jahren Vereinsgeschichte, auch erfolgreichste Fußballclub des alten Dillkreises, unser SSV 1911 Dillenburg e.V. heute mit Recht stolz sein kann. Die Vergangenheit wurde gemeistert, wir werden auch mit vereinten Kräften die Zukunft meistern und blicken selbstbewusst in die Zukunft!

 

In  einer Festschrift aus Anlass des 100. Jubiläums darf eine Aufzeichnung der Geschichte unseres Vereins selbstverständlich nicht fehlen. Da viele Unterlagen im Laufe der Jahrzehnte abhanden kamen, bereitete es große Schwierigkeiten, diese Vereinschronik zu erstellen. Trotz intensiver Bemühungen ist es daher nicht gelungen, das gesamte Vereinsleben seit der Gründung zu schildern. Wir glauben aber dennoch, durch diesen Rückblick allen Mitgliedern, Freunden und Gönnern des SSV 1911 Dillenburg einen reichhaltigen Querschnitt über das Vereinsleben vermitteln zu können.

 

100 Jahre SSV Dillenburg, das ist eine ungemein lange Zeit im Dienste des Sports. Als im Jahre 1911 der Spiel- und Sportverein Dillenburg ins Leben gerufen wurde, rollte in unserer Stadt schon seit einigen Jahren das runde Leder. Wann allerdings zum ersten Male die Gymnasiasten und Seminaristen, die auch in Dillenburg „König Fußball“ populär machten, auf dem „Schramm`schen Eisweiher“, der „Schütte“ oder auf der „Herrenwiese“ hinter dem Ball herjagten, wurde den Chronisten nicht aufgezeichnet. Um den damaligen Zeitabschnitt richtig zu erfassen, muss man aus unserer jetzigen schnelllebigen Zeitgeschichte zurückblenden.

 

Die meisten Menschen der modernen Gegenwart werden sich die damaligen Verhältnisse nicht vorstellen können. Von Mund zu Mund wurde die Kunde von diesem neuen Spiel, dem „Fußballspiel“, an dem vor allem die Jugend Begeisterung fand, weiter getragen. Junge Männer mit Schnurrbärten, mit über das Knie reichenden „kurzen“ Hosen, bunten Hemden, Mützen oder Kappen standen am Anfang der Entwicklung eines Spiels, das trotz zahlreicher Verbote immer mehr Anklang fand, seine Regeln und äußere Formen vielfach veränderte, um schließlich „König Fußball“ zu werden, jener „König Fußball“, der heute Millionen Menschen in seinen Bann zieht.

 

Das runde Leder rollte

 

In dieser Zeit, kurz nach der Jahrhundertwende, wurde der Fußball auch im Dilltal aktuell. Ein Wettspiel einer Mannschaft des hiesigen Gymnasiums gegen eine solche einer Siegener höheren Schule „brachte den Ball“ endgültig ins Rollen! Die Begeisterung über dieses Wettspiel war so groß, dass sich unmittelbar danach sechzehn Fußballfreunde in der „Oranien-Brauerei“ in der Maibach zusammenfanden und die erste „Vereins-Fußballmannschaft“ gründeten. Der neue Verein wurde auf den Namen Dillenburger Fußballclub 1906 getauft. Dieser Club nahm dann auch den Spielverkehr mit den nächsten Nachbarn in Wetzlar, Gießen, Marburg, Siegen und Betzdorf auf. Die Mitgliedschaft im „Westdeutschen Spielverband“ wurde erworben. Schon im Gründungsjahr kam es dann zum ersten Fußballturnier. Aber nicht nur dem Fußball, auch der Leichtathletik widmete sich der Club.

 

Es waren echte Idealisten, die sich damals zum Fußballsport bekannten. Die Spieler bezahlten sich die Sportausrüstung und alle Fahrtkosten selbst und richteten vor jedem Spiel den Platz her. Darüber können die Fußballstars von heute nur noch müde lächeln! Und die Sorgen, die damals hinzu kamen, waren nicht minder groß. Geldmittel für die Beschaffung von Fußbällen und Toren waren keine vorhanden und mussten organisiert werden.  Am dringlichsten war zunächst einmal ein Fußball, der aus Berlin bezogen wurde. Sorgen bereitete aber auch die Sportplatzfrage. Man zog vom „Schramm`schen Eisweiher“ zur „Herrenwiese“ oder zum „Feldbacher Wäldchen“, durfte aber dort nur spielen, wenn das Gras geerntet war. Schon damals war der „DFC 06“ im Siegerland und im Lahnbezirk bis in die Wetterau hinein ein gern gesehener Gast. In den Gruppenspielen nahm er stets einen beachtlichen Vorderplatz ein. Zu den begeisterten Männern in den weißen Hosen, dem roten Trikot mit dem weißen „d“ gehörten: Der Vereinsvorsitzende H. Demuth, Karl Decker, Hermann Frank, Robert Graf, Phillip Haber, Heinrich Jacok, Karl Nies, Heinrich Ries und Heinrich Georg Weber.

 

Aber in der Entwicklugn aller Vereine gibt es einmal Krisenzeiten und davon blieb auch der „DFC 06“ nicht verschont. Durch innere und äußere Einwirkungen kam es im Jahre 1911 zum ersten Male in der Dillenburger Fußballgeschichte zu einer Spaltung. Ein zweiter Verein wurde ins Leben gerufen. Für zwei Vereine fehlte es aber damals, wie auch heute an der gesunden Grundlage, obgleich sich mit dem SSV Türkgücü Dillenburg in den späteren Jahrzehnten doch noch ein zweiter eigenständiger Fußballclub in der Oranienstadt etablierte und heute mit wechselndem Erfolg zwischen der Kreisoberliga und der Kreisliga A pendelt. Mit der Geschichte des SSV Dillenburgs hat Türkgücü allerdings nichts gemein, außer, dass sich beide Vereine die heutigen Sportanlagen der Stadt gemeinsam teilen. Doch zurück in die Vergangenheit: Die Vernunft siegte bald über persönliche Querelen. Man fand sich wieder zusammen im „Spiel- und Sportclub 1911“, dem Vorläufer des heutigen SSV.

 

Die Vereinsfarben wurden „Grün-Weiß“

 

Als Vereinsfarben wählte der neue, alte Verein „Grün-Weiß“, und Robert Graf übernahm den Vereinsvorsitz. Bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges hatten die Fußballer rund 80 Mitglieder, zu denen auch zahlreiche Sportler aus anderen Nachbargemeinden gehörten. Überhaupt nahm der Verein in  den Jahren 1911 bis 1913 einen rapiden Aufschwung. So blieben auch die sportlichen Erfolge nicht aus. Bedingt durch das Gymnasium und das Lehrerseminar kamen einige gute Spieler hinzu, und im Jahre 1913 hatte man eine kampfstarke Mannschaft geformt, die erstmalig die Gruppenmeisterschaft nach Dillenburg holte. Damals spielten: Bertram (bekannter Tormann), Albert Höfner, Jul Metzger, Ernst Paulus (späterer Weltrekordler im Diskuswurf und Fahnenträger bei der Olympiade 1928 in Amsterdam), Kurt Rühling, Karl Nies, Hans Fremdt (der „Parre“) und andere, deren Namen leider nicht mehr bekannt sind.

 

Der Ruf einiger Spieler ging über die heimischen Grrenzen weit hinaus. Als 1912 der FC Betzdorf internationalen Verpflichtungen in den Niederlanden nachkommen musste, lieh er sich von Dillenburg die Spieler Hans Fremdt und Viktor Wunderlich aus.

 

Von großer Bedeutung in diesen Jahren war auch die Inbetriebnahme des Sportplatzes „Auf der Hohl“. Zwar war das felsige Gelände alles andere als ideal, doch machte dieses Spielgelände den Verein wenigstens sesshaft. Über zwei Jahrzehnte mussten die Dillenburger hier ihre Heimspiele austragen – fürwahr kein Beweis für die besondere Aufgeschlossenheit der städtischen Organe gegenüber sportlichen Belangen.

 

Der erste Welktkrieg 1914 – 1918 unterbrach die vielversprechende Aufwärtsentwicklung des Vereins. 21 seiner damaligen Mitglieder kehrten nicht mehr aus dem Krieg zurück.

 

Der Neubeginn

 

Erst im Sommer 1919 blühte der Fußball wieder auf. Unter dem Vorsitz von Bernhard Isbach bildete sich schnell wieder eine spielstarke Einheit. Und schon im Jahre 1920 konnten vier aktive, zwei Jugend- und eine Alt-Herren-Mannschaft aufgeboten werden. Albert Höfner war der organisiatorische und spielerische Motor von Verein und Mannschaft, zu deren 1. Garnitur Emil und Willi Brückmann, Ernst Friedrich, Friedrich Göbel, „Hentzes Dicker“, Otto Hofmann, Karl Horz, Emil Kaufhold (der Vater des früheren Offenbacher Nationalspielers Gerhard Kaufhold aus Burg), Gustav Neuhof, Heinrich Reeb, Willi Reuter und Phillip Stunz gehörten.

 

Der Verein war wieder Mitglied des „Westdeutschen Spielverbandes“, in dessen A-Klasse (vergleichbar mit der heutigen Verbandsliga) er spielte, nachdem er 1921 das entscheidende Match um den Liga-Aufstieg gegen den VfB Gießen verloren hatte.

 

Erster Abstieg

 

Mittlerweile hatten sich in fast allen größeren Orten des Dillkreises Fußballvereine gegründet. Mit den unteren Mannschaften spielte man gegen junge Nachbarvereine, von denen 1926 Frohnhausen und Herborn die „Sportvereinigung 1911“ einholten, die dann 1927 erstmals aus der früheren Klassse des Bezirks absteigen musste. Vorausgegangen war diesem sportlichen Rückschlag erneut eine Vereinskrise, die vorübergehend zu einer Neugründung unter dem Namen „Sportfreunde Dillenburg“ geführt hatte.

Aber Kurt Vogler, der schon einmal im Jahre 1922 die Vereinsführung inne gehabt hatte, löste den damaligen Vereinsvorsitzenden Wenzel (1926) ab und führte die Ortsrivalen unter den grün-weißen Fahnen wieder zusammen. Zwei Jahre später spielte der Verein wieder in der Bezirksklasse. Höhepunkte brachte dann das Jahr 1930, in dem gleich drei Vereinsmannschaften in ihren Spielklassen jeweils den ersten Platz belegten. Damals waren es die Namen von Willi Beecht, Willi Busch, Franz dal Canton, Heini Friedrich, Heinrich Habicht, Julius Kepper, Walter Krause, Karl Meixner, Jakob Pfeiffer, Ludwig Rinn, Hermann Röger, Leander Schmidt, Richard Schwarz, Max und Otto Witt, Karl Zimmer und Willi Zimmerschied, die die heimischen Sportfans begeisterten.

 

Auch andere Sportarten kamen nicht zu kurz

 

Wie bereits berichtet, betrachtete sich die „Sportvereinigung 1911“ nicht nur als Fußballclub. Ihr Interesse galt auch anderen Sportarten. So wurde 1924 eine Hockey-Mannschaft gegründet, die aber schon bald wieder ihren Spielbetrieb einstellen musste, Fortgesetzt wurde aber die leichtathletische Vereinstradition. Mit dem Namen Ludwig Hamburger ist das Schicksal dieser Sportart im Verein über drei Jahrzehnte eng verbunden. Karl Kepper kam als 5000-Meter-Läufer an die deutsche Spitzenklasse heran. Phillip Stunz und Willi Möhrig waren bekannte Mittelstreckler und Sprinter. Im folgenden Jahrzehnt wurden sie abgelöst von Walter Brambach, Georg Christmann, Ernst Darr, Franz Fleischer, Ferdinand Spieß, Rudi Kepper, August Otterbein, Otto Müller, W. Wurmbach, K. Meixner, Karl Flöter, Herbert Haas, Rudi Manz, dem früheren Langenaubacher Bürgermeister Härle (süddeutscher Meister im 110-Meter-Hürdenlauf) und vielen etatmäßigen Fußballern, die als Läufer, Springer und Werfer auf den Sportfesten der näheren Umgebung die Vereinsfarben erfolgreich vertraten. In den Jahren 1948 bis 1954 starteten die Leichtathleten Gerhard Blecher, Hans Groß, Paul Höhne, Fritz Weber und Wilhelm Weber für den SSV und konnten beachtliche Erfolge verbuchen. Man kann diesen Leistungen nur gerecht werden, wenn man verdeutlicht, dass die Stadt Dillenburg erst viel später annehmbare Übungsstätten für die Disziplinen der Leichtathletik schuf.

 

Die große Fusion

 

Das Mitgliedsverzeichnis des „Westdeutschen Spielverbandes“ weist für die Sportvereinigung 1911 Dillenburg, in deren Vorsitz 1929 Kurt Vogler von Karl Otterbein (bis 1932) abgelöst wurde, im Jahre 1926 bei 38 Jugendlichen mit insgesamt 178 Mitgliedern aus. 1928 waren es nur 125, davon 17 Jugendliche. Aber im Jahre 1932 kletterte die Mitgliederzahl wieder auf 232, davon 39 Jugendliche. Im selben Jahr wurde Richard Schwarz Vorsitzender des  Vereins bis zur Vereinigung mit dem „Reichsbahn- Turn- und Sportverein 1911“. Diese Vereinigung brachte wesentliche Vorteile und eine gesunde wirtschaftliche Basis. Philipp Haber und (von 1936 bis 1945) Karl Schmidt konnten nun einen Verein führen, der auf festen Beinen stand. So wurde der Bau des Sportplatzes an der Haigerer Landstraße (heute Parkplatz am Stadion) in Angriff genommen. Am 1. September 1935 wurde dieses erste umzäunte Sportfeld des Kreisgebietes mit einem großen Sportfest eingeweiht. Zu den bereits vorhandenen Sportarten im Verein kamen nun auch noch die Schützen hinzu, die auf dem „Laufenden Stein“ ihr Domizil aufschlugen. Kernstück des Vereins blieb aber weiterhin die 1. Fußballmannschaft, die aus der damals zweithöchsten Spielklasse, der Bezirksliga, im Jahre 1937 absteigen musste. Aber schon in der nächsten Saison wurde die Mannschaft abermals Meister und stand in Aufstiegsspielen an erster Stelle, als 1939 der zweite Weltkrieg ausbrach. Mehrfach wurden Spieler dieser Elf in Auswahlmannschaften und Verbandskurse berufen. Von der damaligen Mannschaft sind die Sportkameraden, Brauer, Rausch, Laux und Assmann gefallen. Wer entsinnt sich von den älteren Mitgliedern nicht noch der Prachttore, die „Assmanns Lorche“ schoss?

 

Fußbasllbetrieb kam zum Erliegen

 

Trotz des Krieges wurde der Spielbetrieb im Verein bis zum Jahre 1942 nicht eingestellt. Erst dann fiel der totale Krieg auch dem sportlichen Leben in  die Speichen und brachte es zum Erliegen. Was jetzt noch auf dem Sportplatz an der Haigerer Landstraße dem runden Leder nachjagte, waren Schüler- und Jugendmannschaften, die zwar in anderen Organisationsformen auftraten, stets aber die Verbindung zum Stammverein wahrten. Viele dieser Jugendspieler nahmen an Auswahlspielen teil. Fritz Graf stand dreimal in der Jugendauswahl von Hessen-Nassau. Viele andere Mitglieder des Vereins waren in alle Himmrelsrichtungen verstreut und spielten bei anderen Mannschaften. Helmut Weht hütete das Tor der Stadtelf von Meißen, Karl Meixner stürmte in der Gauligaelf von Wetzlar 05. Karl Witt, aus dem hoffnungsvollen Nachwuchs des Vereins, begann bei Germania Stolp in der pommerschen Gauliga seine große Karriere, die ihn über das Training als Kriesgefangener bei Sheffield United zum erfolgreichen Vertragsspieler bei Kickers Stuttgart und Bayern München führte.

 

Wieder ein Neubeginn

 

Nach Beendigung des zweiten Weltkrieges war die Wiederaufnahme des Sportverkehrs mit  großen Schwierigkeiten verbunden. Nur wenige Spieler der Vorkriegsmannschaften oder aus den Jugendteams standen bei der Neuaufnahme  des Spielbetriebs im Jahre 1945 zur Verfügung. Um Rudi Bietz, Kurt Graulich, Franz dal Canton, Wilhelm Thier, Fritz Wasczick, Heinrich Schmidt und Helmut Weht bildete sich eine neue Mannschaft, die den unter Vorsitz von Hermann Reichmann stehenden Verein in den Spielen vertrat, welche die Qualifikation für die neue Spielklasseneinteilung im Hessischen Fußball-Verband ergeben sollte. In Selbsthilfe wurde der durch amerikanische Panzer unbespielbar gemachte Sportplatz wieder hergerichtet. Hier sind vor allem die Namen Kurt Graulich und Wilhelm Weber zu nennen. Bälle und Sportkleidung gab es nur im Wege von Kompensationen. Gefahren wurde mit „Holzvergasern“, manchmal mit Jeeps von amerikanischen Militärpolizisten eskortiert. Oft musste der damalige Sportkreisvorsitzende Kurt Graulich noch in letzter Minute um die Bezugsscheine kämpfen oder andere Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Bis 1947 wurde dann unter dem Namen „Reichsbahn- Turn- und Sportverein“ gespielt. Ab August desselben Jahres musste der Name aufgrund des Kontrollvertragsgesetzes in Spiel- und Sportverein geändert werden.

Nach Reichmann übernahm Fritz Schäfer vorübergehend die Vereinsführung, und im August 1947 trat wieder Kurt Vogler an seine Stelle. Er führte die Geschicke des Vereins bis zum 31. Dezember 1948. Es folgte ab 1. Januar 1948 Ludwig Rinn in diesem Amt.  Er fungierte auch gleichzeitig als Spielausschussobmann, wurde in dieser Position aber im September 1949 von Walter Hisge abgelöst, und ab März 1951 stand Rudi Manz dem Spielausschuss vor. Ludwig Rinn gab dann im Jahre 1951 vorübergehend den Vorsitz an Heinrich Haber und Karl Schmidt ab. Rinn übernahm dann wieder 1952 die Vereinsgeschicke und hielt sie bis zum Jahre 1961 fest in der Hand.

Der Spielbetrieb entwickelte sich in diesen Jahren normal. Dennoch war die Erfolgsskala der Fußballer recht schwankend. Im Jahre 1949 verpasste man als Zweiter hinter Frohnhausen die Qualifikation zur Landesliga. 1948 verlor man das Entscheidungsspiel um die Kreismeisterschaft gegen Burg. Mit einem „blauen Auge“ kam die Mannschaft 1950 davon, als man knapp dem Abstieg in die unterste Kreisklasse entging. Nur ein Jahr später stand sie aber wieder im Entscheidungsspiel um die Kreismeisterschaft, nunmehr gegen Herborn. Dieses denkwürdige Spiel in Burg ging mit 2:4 verloren und wurde sozusagen zu einem Schicksalsspiel für die damalige Elf, die im darauffolgenden Jahr sogar in die B-Klasse absteigen musste. Erst im Jahre 1954 gelang dann einer jungen Mannschaft, nach der Meisterschaft in der B-Klasse und der Erringung der Kreismeisterschaft, die Rückkehr in die Bezirksklasse, der unsere Elf bis zum Jahre 1961 angehörte, in dem der Verein sein 50jähriges Bestehen feierte. Der damaligen Mannschaft gehörten u.a. Karl Müller, H. Hermann, Walter Ortner, Dr. Fritz Graf, Wilhelm Spang und Klaus Schoof an. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr musste die bittere Pille des Abstiegs geschluckt werden. Dennoch wurde das 50jährige Jubiläum zu einem großen Erfolg. Man ließ den Kopf nicht hängen, sondern stand eisern zusammen und veranstaltete ein Festprogramm, das seines Gleichen suchen konnte. Ein Jahr vorher konnte man die neue Stadionanlage neben dem Platz an der Haigerer Landstraße auf der „Bleiche“ in Betrieb nehmen, die heute noch, neben einem Hartplatz mit Flutlichtanlage Spielort des Vereins ist.

Das Hauptspiel des Jubiläums bestritten die damaligen Oberligateams von Borussia Mönchengladbach und des FSV Frankfurt. Es endete vor rund 5000 Zuschauern 1:1 unentschieden.

In all diesen Jahren stellten sich viele namhafte Mannschaften auf dem Sportplatz an der Haigerer Landstraße vor. Viele Freundschaftsspiele umrahmten das alljährliche strapaziöse Meisterschaftsprogramm. Es wurden enge Freundschaften geschlossen, auch zu ausländischen Clubs. So zum Beispiel zu Campen/Holland. Freundschaften, die zum Teil heute noch Bestand haben. Selbstverständlich blieb auch ein enger Kontakt zu den vielen heimischen Vereinen bestehen, an deren Sportfesten und Turnieren Mannschaftren des Vereins teilnahmen.

Nach dem Abstieg in die A-Klasse hatte das Vereinsschiff wieder eine stürmische Fahrt. Die Vorsitzenden wechselten. Karlheinz Pitzer übernahm 1961 die Geschicke des Vereins, kam aber leider durch einen tragischen Unglücksfall ein Jahr später ums Leben. Sein Nachfolger als Vorsitzender wurde Wilhelm „Johann“ Spang, der heutige Ehrenpräsident. Er stand dem „SSV 1911“ zunächst bis 1967 vor. Als Spielausschussobmann fungierte Günter Weber. Dann war es wieder Ludwig Rinn, der das Vereinszepter übernahm und bis zu seinem Tod kurz nach dem 60jährigen Geburtstag in 1971 das Vereinszepter führte.

Unterdressen kämpfte die erste Garnitur um den Wiederaufstieg in die damalige 2. Amateurliga, den sie nach zweijähriger Abwesenheit in der Saison 1963/64 auch wieder schaffte. Jürgen Nathmann, Helmut Krämer, Horst Pfeiffer, Friedhelm Flöter, Günter und Wilhelm Weber, Horst Mann, Klaus Schoof, Walter Baus, Walter Schaaf, August Theis, Klaus Friedrich, Peter Mann, Horst Klingelhöfer, Karl Müller, Horst Heimann, Werner Heimann, Bruno Kempfer sowie später die Akteure Jürgen Gottschalk, Kurt Sieland, Guynye, Jürgen Witczak, Horst Peter, Heinz Klamberg, Rudi Kepper, Lutz Rinn und Fredi Simmig waren die Spielerpersönlichkeiten der 1. Garnitur dieser Tage.

Mit einer gewissen Beständigkeit  spielte die Mannschaft in der 2. Amateurliga, die später durch die Einführung der Gruppenliga im Jahre 1967 in zwei Gruppen, eine Süd- und eine Nordgruppe aufgeteilt wurde. Der Aufstieg in die Gruppenliga (heute Verbandslig) gelang erfreulicherweise im Jubiläumsjahr 1971.

 

Die größten Erfolge

 

Mit dem Wechsel im Präsidentenamt, das Wilhelm Spang nach dem Tode von Ludwig Rinn in 1971 übernahm, begann eine neue sportliche Ära auf Landesebene. Der SSV wurde zum Aushängeschild des heimischen Fußballs. Es waren die erfolgreichsten Jahre der Vereinsgeschichte. Trainer Werner Rarrasch, ehemaliger Oberligaspieler in Aschaffenburg, hatte ein Team geformt, das mit soliden „Handwerkern“ und Kämpfertypen ausgestattet war und mit dem er den SSV aus der Normalität herausführte. Und in den Reihen der Mannschaft, die sich 1971 anschickte, fleißig auf Landesebene Punkte zu sammeln, standen wieder zahlreiche Nachwuchsspieler aus den eigenen Reihen. Der Klassenerhalt wurde auf Anhieb geschafft. Dann verließ der Trainer den Club aus beruflichen und familiären Gründen. Mit dem Gießener Jürgen Himmelmann kam ein neuer Trainer und mit ihm auch Jürgen Werner vom VfB Aßlar, der fortan zwischen den Pfosten stehen sollte. Weitere Verstärkungen kamen hinzu. Das gesteckte Ziel war klar: Der Aufstieg ins hessische Fußball-Oberhaus. Das Team schaffte es! Dillenburg war im Fußballrausch. Das Meisterschaftsfinale gegen die SG Rödelheim wurde zum wahren Volksfest. 10.000 Besucher kamen auf die „Bleiche“ und erlebten einen Fußball-Krimi nach Maß. Mit 4:3 behielt der SSV am Ende eines dramatischen Matches die Oberhand. Günther Metz war dreifacher Torschütze, Ali Sköries hatte die Grün-Weißen in Führung geschossen. Die Oranienstadt stand Kopf. Bis in die frühen Morgenstunden hinein wurde dieser tolle Erfolg gefeiert. In der Hessenliga (heute Oberliga) traf der SSV dann auf viele ruhmreiche Namen: Viktoria Aschaffenburg, Kickers Offenbach (Amateure), Opel Rüsselsheim, Eintracht Frankfurt (Amateure), KSV Hessen Kassel, FSV Frankfurt, VfR Bürstadt, SV Wiesbaden und viele mehr. Die Saison verlief nicht ganz nach Plan: Trainer Jürgen Himmelmann, der entscheidenden Anteil am Oberliga-Aufstieg hatte, warf schon nach wenigen Spieltagen der Vorrunde, ausgerechnet beim Auftritt von Viktoria Aschaffenburg, damals noch mit Felix Magath (heute Coach des FC Schalke 04) auf der „Bleiche“ das Handtuch. Spielausschussobmann Theo Lauber benannte sofort Trainer-Assistent Klaus Wawretschka zum Interimscoach. der Klassenerhalt war der verdiente Lohn harter Teamarbeit.

Danach ging es sportlich steil bergauf mit den Dillenburger Kickern. Der 46fache Amateurnationalspieler und Olympiateilnehmer von München, Dieter Mietz, übernahm als Spielertrainer das Zepter auf der „Bleiche“ und führte den ältesten Fußballclub im Land an der Dill zu seinen bislang größten Erfolgen, die bis heute unerreicht blieben. Das Team war durch einige spielstarke Akteure aus der Nachbarschaft und Westfalen verstärkt worden. Schon im vierten Jahr seiner Zugehörigkeit zur Oberliga holte der SSV Dillenburg zum großen Schlag aus. Nachdem die Mietz-Schützlinge 1976 durch den Gewinn des Hessenpokals bereits ins Gespräch gekommen waren, gelang ihnen am Ende der Saison 1976/77 ein weiterer Coup: Die Vizemeisterschaft in der Fußball-Hessenliga mit nur einem Punkt Rückstand auf den VfR Bürstadt. Damit war zwar der Aufstieg in die damalige zweite Bundesliga nur knapp verpasst worden, aber die Teilnahme an der Deutschen Amateurmeisterschaft gesichert.

Mit Recht war der SSV schon vor Beginn dieser spannenden Saison als Geheimtipp  gehandelt worden, denn seine Entwicklung seit 1971 war frappierend. Mit dem Amateurinternationalen Mietz und dem früheren Jugendnationaltorwart Bernhard Schrage (von Borussia Mönchengaldbach) konnte im zweiten Oberligajahr die Abwehr stabilisiert werden. Rang zehn wurde erreicht. Ein weiteres Jahr später kamen der Torjäger der Westfalenliga, Gerd Scholtyschik von den Siegener Sportfreunden und der frühere Oberhausener Lizenzspieler Rainer Laskowsky für Angrifssaufgaben hinzu. In der Abwehr verstärkte sich der SSV mit Gerd Deutsch und Gerd Köhler vom damaligen Zweitligisten SV Darmstadt 98. Der SSV wurde Neunter. Mit dem Gewinn des Hessenpokals 1976 nach einem 6:1-Erfolg über Hanau 93 und einem 4:0 im Finale gegen den SV Wiesbaden unterstrichen die „Oranier“ ihre Ansprüche auf vordere Plätze im Amateur-Oberhaus. Am Ende ging es dann 1977 äußerst knapp zu. Erst der letzte Spieltag entschied das spannende Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Dillenburg und dem VfR Bürstadt.

 

Der SSV spielte um die Deutsche Meisterschaft

 

Die SSV-Kicker stellten in dieser Saison auch den erfolgreichsten Angriff der obersten Amateurklasse: Mit 89 Treffern fiel die Torausbeute beachtlich aus. In 34 Begegnungen ging der Club nur zweimal leer aus. Auch zum Auftakt der Spiele um die Deutsche Amateurmeisterschaft brachten es die Dillenburger auf beachtliche fünf Treffer: Zuhause gab es gegen die Amateure des 1. FC Köln einen 3:1-Erfolg, in Köln im Rückspiel ein 2:2 Unentschieden. Obwohl mit Gerd Scholtyschik einer der SSV Torjäger nicht mehr dabei war. In der zweiten Runde scheiterten die Mietz-Schützlinge dann am bayerischen Vizemeister ATS Kulmbach mit 2:3 und 1:3. Rang fünf blieb bei den deutschen Titelkämpfen für die Oranienstädter unter dem Strich. Mit Hansi Franz, Gerd Deutsch, Rainer Laskowsy, Gerd Köhler  sowie später mit „Männe“ Hartmann, Peter Sichmann und Bernhard Krämer, Hans-Jürgen Henn und Norbert Henrich stellten die Dillenburger Hessenauswahlspieler.

Die Fußballbegeisterung an der Dill kannte damals kaum Grenzen. Die Besucherzahlen auf der „Bleiche“ waren im Vergleich zu heute „astronomisch“. Allein 5000 kamen zum ersten Spiel gegen Köln um die Amateurmeisterschaft. Danach verblasste aber auch der Ruhm etwas. Mit Gerd vom Bruch kam ein neuer Trainer. Er löste Dieter Mietz ab, der mit dem SSV auch zweimal in der DFB-Hauptpokalrunde stand: Am 7. August 1976 gegen den FC Bayern München (Amateure), damals noch mit Klaus Augentaler, 1:3, am 5: August 1978 gegen den FSV Frankfurt 2:4. Der absolute Pokalhit stieg jedoch am 29. August 1981 vor knapp 10.000 Besuchern auf der „Bleiche“ gegen den Bundesligisten Borussia Mönchengladbach. Trainer war damals beim SSV, direkt nach dem Abstieg in die Landesliga, Werner Blasczyk, der heute beim SSC Juno Burg seine Trainertätigkeit ausübt. Die Partie endete mit einem 7:2-Sieg der Borussen.

 

Der Abstieg in die Landesliga

 

1981 musste der SSV Dillenburg nach einer verkorksten Saison das Amateur-Oberhaus verlassen. Mit ihm ging auch der Fußball-Lehrer Gerd vom Bruch, der später als Bundesligatrainer arbeitete und heute noch als Spielerberater tätig ist. Auch im Vorstand gab es Veränderungen. Der Verein stand vor einem Neubeginn. Sogar die Frage einer freiwilligen Rückstufung in die Bezirksliga wurde diskutiert. Die Grün-Weißen rückten enger zusammen. So wie immer in Krisenzeiten. Bezahlt machte sich nun die gute Jugendarbeit. Werner Blasczyk übernahm das jüngste Team der Landesliga und schaffte den Klassenerhalt. Drei Jahre wirkte Blasczyk in Dillenburg und erreichte zuletzt Rang drei. Danach löste ihn der Ex-Oberligaspieler Klaus Schmidt ab, der als Spielertrainer kam und mit dem SSV im 75. Jubiläumsjahr (6. Platz) in der Landesliga noch einmal den Aufstieg in die Oberliga plante. Daraus wurde aber bis heute nichts.

 

Einige turbulente Jahre

 

Der SSV Dillenburg wurde zu einer festen Größe in der Fußball-Landesliga Mitte (heute Verbandsliga). Weitere sieben Jahre spielte das Team in der untersten hessischen Amateur-Landesklasse – mit wechselndem Erfolg.

Peter Sichmann, auch ein ehemaliger Akteur der SSV-Oberligamannschaft – kam als Spielertrainer auf die „Bleiche“. Er formte nach und nach eine Spitzenmannschaft, die nach einem zehnten Tabellenplatz in 1988 schon ein Jahr später Fünfter wurde und zum erneuten Sprung in die Oberliga ansetzte. Es reichte aber in den Jahren 1990 und 1991 jeweils „nur“ zur Vizemeisterschaft. Leider gab es damals noch keine Relegation. Allerdings kam auf der „Bleiche“ hier und da wieder so etwas wie Oberliga-Stimmung auf. Die Zuschauerzahlen waren ganz ansehnlich. Zum Spitzenspiel gegen den RSV Würges in der Saison 1990/91kamen 1300 ins Stadion. Der SSV siegte durch einen Treffer von Rolf Zabel verdient mit 1:0 (0:0).

In dem spielstarken Team dieser Zeitphase standen unter anderem auch die Eigengewächse Peter Mittwoch, Thomas Hof, oder die Gebrüder Buhl, Rainer Dörr und Otto Nickel jun.. Auch die noch aus Oberliga-Zeiten verbliebenen Akteure Hans-Peter Zohles und Wolfgang Herget gehörten ebenso dazu wie Rolf Zabel, Christian Bucher oder „Django“ Nickel. Einem starken Mittelfeld gab die Abwehr um Thomas Hof, dem Jugoslawen Tschorba und Torhüter Henning Schneider den notwendigen Rückhalt. Leider verfehlte das Team am Ende gleich zweimal den angestrebten Aufstieg in die Oberliga ganz knapp.

Wieder gab es neue Gesichter auf der „Bleiche“, Spieler gingen und kamen und es folgten turbulente Jahre, in denen es sportlich und finanziell um alles oder nichts ging. Eine Krisensitzung löste die andere ab. Hoch her ging es dann auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Frühjahr 1990 in der vollbesetzten Stadthalle. Im Verein hatten sich zwei Strömungen gebildet – die eine um den amtierenden Vorsitzenden Wolfgang Rinn an der Spitze, die andere um den früheren Vereinschef Hansi Kaase, Rudolf Kirschbaum und Hans Ulrich Heuser. Beide Seiten, das darf mit Fug und Recht behauptet werden, wollten für den Verein nur das Beste, vertraten aber auf dem Weg dorthin unterschiedliche Meinungen. Am Ende setzte sich, nach turbulentem Sitzungsverlauf, kurz vor Mitternacht die Opposition durch – nicht zuletzt auch auf Druck der Mannschaft, die zu Trainer Peter Sichmann stand und im Oppositionslager um Kaase, Kirschbaum und Heuser offensichtlich mehr Gehör fand. Wolfgang Rinn legte sein Amt nach dreijähriger sehr solider Arbeit nieder. Neuer Vereinschef wurde Michael Schlingensiepen.

Trotz finanzieller Schwierigkeiten gelang es, die Mannschaft weitgehend zu halten und weiterhin Landesliga-Fußball zu spielen. Am Ende der Saison stand, wie schon erwähnt, der Vizemeistertitel in der sportlichen Bilanz. Es folgte eine sportlich durchwachsene Saison, die mit Rang sieben in der Meisterschaft endete (1991/92) und im Pokalwettbewerb den Kreistitel und später sogar noch den Einzug ins Viertelfinale auf Landesebene brachte.

 

Freiwilliger Abstieg

 

Ein Jahr später, am Ende der Saison 1992/93, bregann dann  eine der wohl schwierigsten Zeitphasen der Vereinsgeschichte. Der SSV zog nach einem zwölften Platz in der Meisterschaft sein Landesliga-Team aus dieser Spielklasse zurück. Sponsoren waren  abgesprungen, die Forderungen der Spieler fielen nicht unbedingt bescheiden aus und in der Vereinsklasse herrschte gähnende Leere – besser gesagt, der Verein war so gut wie pleite. Der umsichtige Vorstand um Präsident Michael Schlingensiepen entschied sich für einen Neustart und den Abstieg in die  Bezirksliga. Hier ging es zunächst auch sportlich weiter bergab. Leistungsträger verließen die Mannschaft, junge Spieler mussten integriert werden. Ein neuer Spielausschuss musste sich konstituieren, naschdem auch Hansi Kaase und Hans Ulrich Heuser amtsmüde waren. Die Mannschaft wurde in die A-Liga (1993/94) durchgereicht.

 

Der Neuaufbau begann in  der Kreisliga

 

Der Mut ging dennoch nicht verloren. Um den Vorsitzenden Michael Schlingensiepen und Geschäftsführer und Schatzmeister Wilfried Müller scharte sich ein engagiertes Vorstandsteam, das bereit war, die Ärmel hoch zu krempeln und das die Finanzen auch schnell wieder fest in den Griff bekam. Schuldenabbau war die oberste Priorität. Dazu hatte man wieder ein festes sportliches Ziel im Auge: den Wiederaufstieg in die Bezirksliga. Der gelang zwar nicht auf Anhieb (Platz fünf 1994/95) aber schon im zweiten Anlauf. Werner Blasczyk, schon öfter in Notzeiten Feuerwehrmann bei den Grün-Weißen, war als Trainer auf die „Bleiche“ zurückgekehrt, und mit Achim Müller engagierte sich inzwischen im Spielausschuss eine Persönlichkeit, die sich in den Folgejahren, wie auch der Geschäftsführer Wilfried Müller, als ein echter Glücksgriff für den Verein erweisen sollte. Das Müller-Team handelte besonnen, zielstrebig und hoch motiviert und lässt bis heute in der Tat schon mal den Slogan aufkommen: „Alles Müller oder was?“

Spaß beiseite: Der eine, Wilfried Müller hat die Finanzen fest im Auge, der andere trat zwar später ins zweite Glied zurück, hat aber in Sohn Steffen Müller einen Nachfolger gefunden, der ebenfalls ein hervorragendes Bindeglied zwischen Mannschaft/Trainer und Vorstand darstellt. In der  Bezirksliga gehörte das Team von Beginn an zu den Spitzenmannschaften. Zweimal reichte es zu Rang drei, wobei die Relagation nur knapp verfehlt wurde (1997/98) und 1999/2000). Hochgesteckt waren dann die Ansprüche im Jubiläumsjahr zum 90. Geburtstag 2001. Nachdem mit dem neuen Trainer und ehemaligem SSV-Oberliga-Aktiven Hans-Jürgen Henn (auch ein SSV-Eigengewächs) schon im Jahr zuvor Platz drei erreicht wurde, steckten sich alle Verantwortlichen und die Mannschaft ein hohes Ziel: Aufstieg in die Bezirksoberliga (heute Gruppenliga) lautete selbstbewusst die Devise vor Saisonbeginn. Und der SSV spielte eine souveräne Saison – verlor in der Vorrunde kein Spiel und sicherte sich am Ende Meisterschaft und Aufstieg! Es war das schönste Geschenk zum 90. Geburtstag! Da die Reservemannschaft des Vereins auch noch Kreismeister wurde, war der sportliche Erfolg komplett.

 

Es folgten ruhigere Jahre

 

Das folgende Jahrzehnt im neuen Jahrtausend war vor allem geprägt von einer umsichtigen Haushaltspolitik des Vereins. Viel Geld stand dem Schatzmeister nicht zur Verfügung. Aber durch eine kluge Haushaltsführung und eine vor allem auch kontinuierlichen und engagierten Vorstandsarbeit konnte sich der SSV Dillenburg bis heute im Bezirksoberhaus behaupten. Die sportlichen Erfolge blieben zwar bescheiden, aber dafür konsolidierte der Club die Finanzen. Heute ist der SSV 1911 Dillenburg finanziell gesund. Wichtig dabei war, dass der Vorstand hinsichtlich von Neuverpflichtungen stets Augenmaß bewies und allzu große Begehrlichkeiten von Spielern gleich im Keime erstickte. Es gelang mit den Trainern Hans Jürgen Henn (bis April 2004), Mario Gail (bis 2007), Frank Bernhard (bis 2010) und danach mit Rainer Lomberg, der die Mannschaft derzeit betreut, stets eine schlagkräftige Elf zu bilden, die in  der damaligen Bezirksoberliga und heutigen Gruppenliga zwar nicht zu den Top-Teams zählte, die aber zwischen Rang sechs und 13 stets Ränge im gesicherten Mittelfeld belegte und zu den „Etablierten“ der höchsten Liga im Bezirk zählt. Ein Versuch, die Mannschaft noch einmal zu verstärken und den Sprung in die Verbandsliga zu schaffen scheiterte nach gutem Saisonstart in der Saison 2009/10. Am Ende stand dann, gemessen am spielerischen Potenzial der Mannschaft, doch nur Rang zehn in der Endabrechung. Der Haigerer Rainer Lomberg löste dann im Frühjahr 2010 Frank Bernhard ab, der sich noch einmal einer anderen sportlichen Herausforderung widmen wollte. Lomberg gelang es eine junge, durchaus spielstarke Mannschaft aufzubauen, die allerdings im Jubiläumsjahr noch um den Liga-Verbleib kämpft.

In  diesem Jahrzehnt gab es noch drei Kreispokalsiege (2006/07 4:2 gegen den SSV Hirzenhain) ein Jahr später (3:0 gegen den SV Eisemroth) und ein weiteres Jahr danach (4:2 n.V. gegen die SG Gusternhain/Roth vor 700 Besuchern auf der Donsbacher „Hasel“). Zudem standen noch zwei Pokalsiege im Wilhelm-von-Oranien-Pokal in der Saison 2004/05 und 2009) sowie fünf Hallen-Stadtmeistertitel (2001/2002/2003/2008/2009) in der sportlichen Bilanz. Hinzu kam noch der Gewinn des Alois-Plescher-Winterpokals im Jahre 2010.

Die Reservemannschaft, die inzwischen in offiziellen Kreisligen auf Punktejagd ging wurde in der Saison 2001/02 C-Liga-Meister, stieg in die B-Liga auf und schaffte mit den Trainern M. Gail und F. Oppermann den erneuten Meistertitel den Durchmarsch in die A-Liga Dillenburg/Biedenkopf. Dort schaffte sie dann Rang zehn, musste aber in der Saison 2005/06 als Tabellenletzter wieder in die B-Liga absteigen. Auch hier gelang im Jahr darauf Rang zehn und in der Spielzeit 2007/08 der sechste Tabellenplatz. Derzeit rangiert die SSV-Reserve in der B-Liga II Dillenburg im hinteren Tabellendrittel.

Der fleißige Vorstand sorgte auch dafür, dass das Umfeld im Verein stimmte. Neben dem Hartplatz schufen die Verantwortlichen mit tatkräftiger und fleißiger Hilfe von Mitgliedern und Freunden Umkleidekabinen und im Sportheim am Stadion entstand die SSV-Klause, wo sich Fans, Spieler, Vorstand und Freunde des Vereins vor und nach den Spielen treffen. Die Stadt renovierte zudem im Jahre 2009 den Hartplatz  neben dem Aquarena-Bad, dennoch bleibt ein Kunstrasenplatz der große Wunsch des Vorstandes um Präsident Michael Schlingensiepen, der den Club nun schon seit zwei Jahrzehnten in verantwortlicher Position führt. Es ist ein Plus für den Verein, dass der Vorstand sich in seiner Besetzung in den vergangenen Jahren kaum veränderte. Einen Wechsel gab es allerdings auf der Position des Vizepräsidenten. Dieter Adamietz löste zunächst Hans-Hainer Leppla ab. Adamietz folgte inzwischen Lars Hölbel als derzeit zweiter Mann.

 

Aktuell ist Werner Tropp der zweite Mann und der Vorstand wurde gehörig verjüngt. Lars Höbel fungiert als Geschäftsführer und Bernd Föbinger beerbte Wilfried Müller als Kassenwart. In den Vorstand sind u. a. Peter Mittwoch, Frank Buhl, Karsten Möller, Jörg Thomas und der ehemalige Vorsitzdende des Förderkreises Andreas Fischer beigetreten.

Neuer Trainer wurde Rolf Zabel, mit dessen Verpflichtung ein Schwung durch den Verein ging und in Zukunft mehr auf den Nachwuchs gebaut werden soll. Gespielt wird ab der Saison 2013/2014 in der Kreisklasse A,

wo erneut ein Neuanfang gestartet werden soll.

 

Stets ein Auge auf die Jugend

 

Sicherlich sind die bisherigen sportlichen Erfolge auch auf eine gute Jugendarbeit in den vergangenen 100 Jahren zurückzuführen. Für den Nachwuchs hat sich der Verein stets eingesetzt und ihn gefördert, auch in schwierigen Zeiten. Und obgleich immer mehr Jugendliche in unserer schnelllebigen Zeit zu anderen Sportarten abwandern oder weniger Interesse am Fußball aufbringen, und auch die Betreuer im Jugendbereich an allen Ecken und Enden fehlen, verfügt der SSV  Dillenburg auch heute noch über eine weitgehend eigene Jugendabteilung, die derzeit von Werner Tropp geführt wird. Aktuell stellt der Club vier Nachwuchsmannschaften im A-Jugernd-, C-Jugend-, D- und E-Jugendbereich, wobei die C-Jugend allerdings inzwischen in einer Spielgemeinschaft mit dem TSV Eibach und dem FSV Nanzenbach kickt. Die A-Jugend soll in diese Spielgmeinschaft ebenfalls integriert werden. Ob diese dann noch erweitert werden kann, steht derzeit noch in den Sternen. Aufgrund des gravierenden Betreuermangels wird aber auch der SSV Dillenburg neue Wege beschreiten und Bindungen gehen bzw. eingehen müssen.

 

Tradition verpflichtet

 

Obwohl die AH-Fußball zwischenzeitlich mal dem Verein den Rücken gekehrt hatten, gehören sie längst wieder zum festen Bestandteil des im Jubiläumsjahr 330 Mitglieder zählenden Fußballclubs. Den AH-Mannschaften, auch der noch immer bestehenden SSV-Traditionsmannschaft, die sich aus dem ehemaligen Oberliga-Spielerkader rekrutiert und die sich immer noch zu sportlichen und geselligen Veranstaltungen trifft, geht nach wie vor ein guter Ruf voraus. Überall sind die AH-Teams des SSV gern gesehene Gäste. Der SSV 1911 kann stolz sein auf seine Vergangenheit, in der die AH-Kicker stets die Fahnen des Vereins hoch hielten und die Tradition pflegten. Nach wie vor wickelt die Abteilung ein umfangreiches Programm ab, veranstaltet Reisen und trifft sich in geselliger Runde. Hoffen wir, dass diese Kameradschaft noch viele Jahre anhält und die AH-Fußballer den SSV auch in Zukunft würdig vertreten sowie den jüngeren Aktiven ein gutes Vorbild sind und bleiben.

Unterstützt wird der Vorstand inzwischen auch durch den Förderkreis SSV Dillenburg, der im Jahre 2008 gegründet wurde und mit zahlreichen Aktivitäten das sportliche und gesellige Vereinsleben sehr unterstützt und dafür sorgt, dass der älteste Fußballclub des alten Dillkreises im Gespräch und „jung“ bleibt.

 

So ganz nebenbei

 

Nicht nur der Fußball spielte in den 100 Jahren Vereinsgeschichte im SSV Dillenburg eine Rolle. Auch die Leichtathletik oder der Handball hatte hier vorübergehend ein Zuhause. So gab es 1959 eine Damen- und eine Herren-Handballmannschaft. Die Handballer trainierten unter Heinz Heumann und hatten in ihren Reihen die Akteure W. und J.Kirsch, Klaus Richter, Toni Moser oder Helmut Lecke.  Als weitere Namen stehen Kraus, Schol, Sander, Rudolf, Keßler, Maier und Menz i n der Chronik. Man spielte mit wechselndem Erfolg. Leider löste sich die Handballabteilung im Jahre 1970 wieder auf. Im gleichen Jahr brachte der SSV 1911 erstmals eine eigene Vereinszeitung, den „SSV-Kurier“, heraus, der fortan bis heute zu jedem Heimspiel erscheint, und der über die aktuellen Vereinsprobleme berichtet. Das Vereinsblatt erscheint kostenlos. Redakteur war damals Vorstandsmitglied Ulrich Heuser, der Mitinitiator dieses Informartionsmediums war. Inzwischen wurde aus dem „SSV-Kurier“ die Stadionzeitung „SSV Aktuell“. Verantwortlich dafür zeichnet heute Wilfried Müller.